
Frei aber einsam – als persönliches Motto und künstlerisches Credo hat diese romantische Losung das Leben des Komponisten Johannes Brahms geprägt. Die dazugehörige Tonfolge F-A-E entfaltet im Schlusssatz der Sonate op. 5 ihre nachhaltige Wirkung.
Bewertung

Kräftige, absteigend Bässe in der linken Hand, dazu eine dramatisch aufsteigende, mehrfach geschwungene Figur mit der rechten Hand – schon in den ersten Takten der Sonate op. 5 von Johannes Brahms zieht uns Matthias Kirschnereit tief hinein in das romantische Bekenntnis zur künstlerischen Unabhängigkeit: frei aber einsam !
Frei aber einsam
Interview mit Matthias Kirschnereit bei Ohrenmensch.de
So wuchtig und kraftvoll die Sonate op. 5 beginnt, so zart führt Matthias Kirschnereit im zweiten Satz die „Romanze“ aus. Hier ist das Glück für einen musikalisch schönen Moment greifbar, doch schon bald verfinstert sich der Himmel und am Ende wird ein entschiedener Schlussstrich unter jegliche Verliebtheiten gezogen. Die Musik vermittelt dabei keine traurige Verzagtheit, sondern eher ein entschlossenes „So, und nicht anders !“ Ein Bekenntnis zur bewussten Einsamkeit des Künstlers, von Matthias Kirschnereit mit starkem Ausdruck am Flügel bekräftigt.

Norddeutsche Melancholie
Die zweite Hälfte des Albums gehört dann allein dem Klavierquintett op. 34, aufgenommen mit dem Amaryllis Quartett – vortreffliche Interpreten der Musik von Johannes Brahms. Dessen im Kern norddeutsche Gefühlswelt wird dem 1962 im westfälischen Dorsten geborenen Pianisten zweiffelos bekannt vorkommen: Kirschnereit lehrt als Professor an der Rostocker Musikhochschule, leitet mit den „Gezeitenkonzerten“ ein renommiertes Kammermusikfestival in Ostfriesland und hat sich als „Wahlheimat“ die Hansestadt Hamburg ausgesucht – wo Johannes Brahms im Jahr 1833 in Sichtweite des Hafens, im „Gängeviertel“ geboren wurde. Und dort hat Brahms in der Kindheit und Jugend sicher eine Prägung durch die „norddeutsche Melancholie“ erfahren, die auf diesem herbstlichen Doppelalbum in wunderbarer Weise zum Ausdruck kommt.
Johannes Brahms: „Frei aber einsam“
Matthias Kirschnereit, Klavier
Lena Neudauer, Violine
Amaryllis Quartett
Berlin Classics 0300929